Farbgenetik
Eine kleine Vererbungslehre
Farbgenetik der Meerschweinchen
Die Fellfarben der Meerschweinchen entstehen durch Pigmente, insbesondere durch Eumelanin (schwarz/braun) und Phäomelanin (rot/gelb). Das Mischungsverhältnis und die Verteilung dieser Pigmente werden durch verschiedene genetische Faktoren bestimmt.
1. Grundlagen
Eine höhere Konzentration von Eumelanin führt zu dunkleren Farbtönen; dies wirkt sich auch auf Haut und Krallen aus. Durch gezielte Zucht nach Standards und Ausstellungsrichtlinien wurden die Fellfarben verfeinert.
2. Anzahl der bekannten Gene
Es gibt keine gesicherte Quelle für die oft genannte Zahl von „54 Farbgene“ (Stand 2020). Wissenschaftlich belegt sind nur wenige Loci bei Cavia porcellus (z. B. ASIP, MC1R, TYR). Viele Kürzel im Zuchtbereich (z. B. D, K, SM) sind Konventionen und bislang nicht molekular nachgewiesen.
3. Überblick über die wichtigsten Faktoren
- A (Agouti) – Ticking/Tipping; Varianten: Agouti, Solidagouti, Loh, Nonagouti.
- B (Brown) – bb wandelt Schwarz in Schokolade um.
- C (Colour/Albino-Serie) – steuert Aufhellungen (Buff, Silberagouti, Himalaya). Mutation in TYR kann Albinismus verursachen.
- D (Dilute, Blau) – beschreibt Blaufarben; bislang nicht molekular belegt.
- E (Extension) – regelt Ausdehnung von Schwarz-/Rotpigmenten (Schildpatt, Rotreihe).
- K (California) – Konvention für Points/Maske.
- P (P-Serie) – Aufhellungen inkl. Rubin- und Pink-Eye.
- Rn (Roan) – Schimmel/Dalmatiner; homozygot → „Lethal White“.
- S (Weißscheckung) – Weißanteil; durch Modifikatoren variabel.
- WD (Dapple) – Versilberung; in Kombination mit Schoko sichtbar.
- SM (Hämatit/Karneol) – neuere Bezeichnungen, nicht wissenschaftlich erforscht.
4. Beispiel: Goldagouti
Grundformel: AA BB CC EE PP rnrn SS ergibt ein Goldagouti – klassisches Agouti mit schwarzer Unterfarbe und goldfarbenem Ticking.
5. Roan/Dalmatiner (Rn)
Der Rn-Faktor erzeugt Schimmel- oder Dalmatinerzeichnung (Rnrn). Homozygote Tiere (RnRn) zeigen den „Lethal White“-Phänotyp, der mit schweren Missbildungen und Gesundheitsproblemen einhergeht. Deshalb dürfen Schimmel × Schimmel, Dalmatiner × Dalmatiner oder Schimmel × Dalmatiner nicht verpaart werden.
6. Weißscheckung (S)
Das vereinfachte Modell: SS oder Ss = keine oder geringe Weißscheckung, ss = deutliche Weißscheckung. In der Praxis variiert der Weißanteil durch Modifikatoren. Wichtig: Weißscheckung darf nicht mit Roan (Rn) kombiniert werden.
7. Albinismus
2018 wurde beim Meerschweinchen erstmals eine TYR-Mutation mit echtem Albino-Phänotyp nachgewiesen. Weiße Tiere mit roten Augen (PEW) sind daher nicht automatisch Albinos; sie können auch durch Aufhellungsfaktoren (z. B. ca) entstehen.
8. Besondere Farbbezeichnungen
- Dapple: Versilberung, sichtbar in Kombination mit Schokolade.
- Hämatit: Fahles Schwarz mit p.e. (pink eyes), erstmals 2015 beschrieben.
- Karneol: Durchgehendes Rot mit p.e., ebenfalls 2015 beschrieben.
Übersicht der wichtigsten Farb-Loci beim Meerschweinchen
| Locus | Allele (Beispiele) | Wirkung | Beispielfarben | Typische Augenfarbe |
|---|---|---|---|---|
| A (Agouti) | A – ar – at – a | Regelt Ticking/Tipping. Varianten: Agouti, Solidagouti, Loh, Nonagouti. | Goldagouti, Silberagouti, Tan, Schwarz | Dunkel (oder rot bei Argente) |
| B (Brown) | B – b | Verändert Schwarz zu Braun (Schokolade). Bei Rotreihe: Feueraugen. | Schwarz, Schokolade | Dunkel / Feueraugen |
| C (Colour-Serie) | C – cd – cr – ca | Steuert Farbintensität bis hin zu Himalaya. Mutation in TYR kann Albino verursachen. | Buff, Silberagouti, Himalaya | Dunkel oder Pink Eyes (p.e.) |
| D (Dilute) | D – d | Verdünnung von Schwarz zu Blau. Züchterische Konvention, molekular nicht belegt. | Blau, Slateblue | Dunkel oder Rot (z. B. Slateblue) |
| E (Extension) | E – ep – e | Steuert Ausdehnung von Schwarzpigment. Kombiniert Rot- und Schwarztöne. | Schildpatt, Rot, Schwarz | Dunkel |
| K (California) | K – k | Points/Maske analog Himalaya. Züchterische Konvention. | California, Himalaya-ähnliche Zeichnungen | Rot |
| P (P-Serie) | P – pr – p | Aufhellung von Schwarz-/Braunfarben. pr = Rubinaugen, p = Pink Eyes. | Slateblue, Lilac, Beige, Argente | Dunkel, Rubinaugen, Pink Eyes |
| Rn (Roan) | Rn – rn | Schimmel- oder Dalmatinerzeichnung. RnRn = Lethal White (nicht lebensfähig). | Schwarzschimmel, Dalmatiner | Wie Grundfarbe |
| S (Weißscheckung) | SS – Ss – ss | Regelt Weißanteil. Modifikatoren beeinflussen Ausprägung. | Schwarz-Weiß, Rot-Weiß | Wie Grundfarbe |
| WD (Dapple) | Wd – wd | Versilberung schokoladenfarbener Felder. | Dapple | Wie Grundfarbe |
| SM (Hämatit/Karneol) | SM – sm | Neue Bezeichnungen seit 2015. Nicht wissenschaftlich erforscht. | Hämatit (fahles Schwarz), Karneol (Rot mit p.e.) | Pink Eyes |
Hinweis:
Diese Übersicht stellt allgemeine Informationen zur Genetik bei Meerschweinchen dar. Sie ersetzt keine fachliche Beratung durch Zuchtverbände oder Tierärzte und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die Bezeichnungen der Gene folgen gängigen züchterischen Konventionen, können sich jedoch je nach Verband oder wissenschaftlichem Erkenntnisstand unterscheiden. Einige dieser Loci sind wissenschaftlich belegt (ASIP, MC1R, TYR). Andere sind züchterische Konventionen, deren genetische Grundlage beim Meerschweinchen bislang nicht molekular nachgewiesen ist.
Zur besseren Verständlichkeit und Übersichtlichkeit sind die genetischen Zusammenhänge vereinfacht dargestellt und weichen in Teilen von der wissenschaftlich vollständigen genetischen Nomenklatur sowie den detaillierten Mechanismen der Vererbungslehre ab.
Alle Angaben erfolgen ohne Gewähr. Eine Garantie für Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit wird nicht übernommen.